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Opa

Mein Opa mütterlicherseits ist gemeint. Jahrgang 1893, aufgewachsen im deutsch / österreichischen Niemandsland entlang des Inns, nicht besonders weit von Passau entfernt. Wo genau, das ließ sich bereits um 1970 herum nicht mehr feststellen. Das war das erste Mal, dass Opa sein Zuhause aus der Kindheit noch einmal sehen wollte. Meine Eltern packten ihn und Oma ins Auto und wir begaben uns auf die Suche. Es war dort außer Wiesen nichts zu finden und traurig war er darüber nicht.

Jedenfalls war es früher ein Sägewerk auf der österreichischen Seite in „Alleinlage“. Neun Geschwister, Armut und schlechte Behandlung inklusive. Er hat nie viele Worte darüber verloren. Deshalb lies sich viel später, als sich ein entfernter Verwandter inbrünstig dem Thema Ahnenforschung zu widmen begann, nicht mehr feststellen, dass er etwa um 1904 zu einer Pflegefamilie nach Passau gekommen war. Möglicherweise war er sogar adoptiert worden, das würde erklären warum er 1914 einen deutschen Pass hatte.

Wie auch immer, zunächst machte er sich um das Jahr 1908 auf den Weg nach München und absolvierte eine Lehre als Schneider, ein Beruf der ihm quasi auf den Leib geschneidert war. Die glücklichen Jahre waren 1914 schon wieder zu Ende, der 1. Weltkrieg brach aus und er war von Anfang an dabei. Zunächst war er als Infanterist an der Westfront, später gehörte er zu den Soldaten, die erbeutete Panzer fuhren. Ein Stück der weiteren Geschichte fehlt und es geht erst damit weiter, dass er mit Typhus und Cholera im Lazarett lag. Er lag so regungslos auf seiner Pritsche, dass ihn die Sanitäter für tot hielten und ihn auf den Wagen mit den Leichen warfen. Das war an einem Tag, an dem die deutschen Truppen auf dem Rückzug waren, es war viel Rummel und das weckte ihn wohl auf. Trotz seines Zustandes schaffte er es einen Arm zu heben und das wurde tatsächlich bemerkt. Man zog ihn also vom Leichenwagen wieder herunter und er war im „Seuchentross“ auf dem Rückzug mit dabei. Im Lazarett lag er noch über das Kriegsende hinaus und bei seiner Entlassung sagten ihm die Ärzte, dass sein Darm von diesen Krankheiten vollkommen zerstört sei, er seine Tage genießen solle und sein Leben wohl bald enden würde.

Ich nehme das vorweg, Opa ist 1992 im Alter von 99 Jahren verstorben.

Den Rat der Ärzte, sein Leben zu genießen, hat mein Opa jedenfalls befolgt. Zurück in München hat er seine Franziska kennengelernt und eine Arbeit bei einem Schneidermeister gefunden, der für eine betuchtere Klientel Reitbekleidung anfertigte. Die beiden hatten ein Auskommen, eine große Liebe und viel Spaß. Freitag und Samstag war Party angesagt, der Heimweg wurde erst am frühen Morgen angetreten und nicht ohne unterwegs bei einer Backstube vorbeizuschauen, in welcher ein befreundeter Bäckergeselle seine Arbeit verrichtete und durch einen Fensterschacht ein paar warme Brezen ausgab. Der Mensch braucht Rituale! Ende 1922 wurde meine Ma geboren, der Party tat das keinen Abbruch, die wurde am Wochenende bei Freunden oder Verwandten untergebracht. Geheiratet haben die Beiden erst 1926, ein Kind „lediger“ Eltern war zu der Zeit kein Problem. Die Spießigkeit kam erst mit der Weltwirtschaftskrise und den Nazis zurück.

Auch der Krieg holte ihn wieder ein, er wurde als Luftwaffenhelfer eingesetzt, Das Mietshaus mit ihrer Wohnung in Haidhausen wurde Anfang 1945 durch eine Fliegerbombe schwer beschädigt, aber meine Oma war inzwischen längst bei Verwandten in Niederbayern untergekommen (Dort war auch meine Mutter zu dieser Zeit). Anfang 1945 kam dort meine Tante zur Welt, zwei Tage vor dem 44. Geburtstag meiner Oma. Beide Großeltern und die neugeborene Tante haben den 2. Weltkrieg ohne körperliche Schäden überstanden. Ebenso wie meine Mutter, die aus dieser Zeit allerdings bis zu ihrem Tod eine extreme Angststörung zurückbehalten hat.

Das Mietshaus mit der  Wohnung meiner Großeltern wurde wieder aufgebaut, irgendeinen Luxus suchte man dort jedoch vergeblich. Ein Badezimmer gab es nicht (dafür das Müllersche Volksbad), geheizt wurde mit Ölofen, Warmwasser gab’s in der Küche aus dem elektrischen Boiler.

Opas Arbeit in der Schneiderei ging weiter, das Leben verlief in geraden Bahnen, aber mit zunehmendem Alter wurden auch die Spuren der beiden Weltkriege sichtbar. Die beiden sind nie in Urlaub gefahren, sie haben grundsätzlich niemals eine Nacht auswärts verbracht, ganz egal was war. Ausgenommen Krankenhausaufenthalte… Sie besaßen nie ein Auto, weil sie ja mitten in der Stadt wohnten und auch nirgends hinwollten. Zudem waren sie leidenschaftliche Fußgänger. Gelegentlich sind sie bei meinen Eltern oder bei Onkel und Tante mitgefahren, raus ins Grüne zum spazieren gehen oder ins Kaffeehaus. Das war’s, zum Abendessen war man daheim.

Mein Opa hat sich nur wenig gegönnt. Das waren gute Zigarren und schöne Kleidung, was für einen Schneider auch nicht ungewöhnlich ist. Meine Oma wurde verwöhnt, soweit das finanziell möglich war. Die beiden gingen gerne in gute Kaffeehäuser oder mittags auch einmal ins Restaurant. Ich fand es als Kind schon beeindruckend wie liebevoll die beiden miteinander umgegangen sind. So wurde Opa beispielsweise durchgecheckt wie bei der Kontrolle in einem Flughafen sobald er die Wohnung verließ. Ist die Lesebrille dabei, Feuerzeug, Zigarren, Taschentuch, Geldbörse? Sitzt der Krawattenknoten richtig? Wäre alles nicht nötig gewesen, war aber unverzichtbares Ritual.

Wie jeder andere Mensch hatte auch Opa Schwächen, bei ihm war es der Jähzorn. Dann waren immer fünf ganz andere Minuten angebrochen, die Freundlichkeit war weg. Er schimpfte und fluchte, gestikulierte wild mit den Armen, eine Schweigeminute schloss sich an, die dann zurück in die gewohnte Freundlichkeit führte. Körperliche Gewalt gab es hingegen nie.

Opa ist nicht etwa mit 65 in Rente gegangen, dazu hat er seinen Beruf viel zu sehr geliebt. Er hat die zwei Tage Woche für sich eingeführt und noch sieben oder acht Jahre weitergearbeitet. Ich kann mich sogar noch erinnern, dass ich als kleiner Junge einmal zusammen mit meiner Mutter bei ihm in der Arbeit war.

Der Tod meiner Oma im Jahr 1974 war ein großer Einschnitt in seinem Leben. Sie hatte Magenkrebs und ist nach der Diagnose und einer Operation recht rasch an der Krankheit verstorben. Seine Trauer, seine Tränen werde ich nicht vergessen. Aber wie er letztlich damit umgegangen ist, das war beeindruckend. Er hat genau das gemacht, was die zwei auch zusammen gemacht hätten. Das ist ihm zunächst sehr schwer gefallen, sich dazu aufzuraffen, aber es war genau das Richtige. Er ist auch bis zu seinem 95. Lebensjahr in der Wohnung geblieben, nach einem leichten Schlaganfall war das dann nicht mehr möglich und er zog in ein Altersheim.

An seinem 99. Geburtstag hat er dann wohl beschlossen, dass es nun genug sei mit diesem Leben. Er ging abends ins Bett, hat sich zur Wand gedreht, nichts mehr gegessen, nicht mehr gesprochen und ist genau eine Woche später friedlich eingeschlafen.

Ein besonderer Mensch, zumindest für mich. Ich denke oft an ihn.

Published inNotizen

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