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Schlagwort: kumpels

Los Grattleros

Vermutlich war’s 1979, vielleicht auch 1980. Wir waren eine Riesengang, die Jahrgänge reichten von 1954 bis 1969 und wir teilten das gleiche Schicksal, nämlich in einem großen Dreieck, das von Wohnblöcken des Beamtenbundes und der Irgendwasverwaltung gebildet wurde, aufzuwachsen. Beschäftigte im öffentlichen Dienst waren fruchtbar damals.

Wie das bei einer altersmäßig derart inhomogenen Truppe so sein muss, zerfiel der Haufen in mehrere Unterorganisationen, deren Mitglieder durchaus bei mehreren „Abteilungen“ tätig sein konnten. Eine davon war eine kleinere Gruppe namens „Los Grattleros“, die aus dem Big Pete, dem Kochi (R.I.P), dem Peewee und meiner Wenigkeit bestand. In dieser Konstellation gab es einen alles überlagernden Tätigkeitsschwerpunkt: Musik hören und saufen. Es war noch vor dem Frühjahr, ein eiskalter Abend des sich davonschleichenden Winters und heute hatten wir nichts anderes vor, als sonst auch, aber es gab etwas zu feiern. Der Big Pete tat das, was man damals bei dieser sozialen Prägung wohl mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit häufiger tat, er strebte das Berufsbeamtentum an. Dabei war er einen entscheidenden Schritt vorangekommen und deshalb wurde heute nicht bei ihm gesoffen sondern auswärts. Zu diesem Zweck begaben wir uns in eine berüchtigte Studentenkneipe namens Vollmond in der Schleißheimer Straße. Da lief annähernd die selbe Mucke wie bei uns und die Preise waren moderat.
Der Abend nahm einen gemütlichen Verlauf. Nach dem Essen gönnte sich der Big Pete zur Feier des Tages eine dicke Havanna, der Kochi und ich qualmten Zigaretten und der Peewee hustete für uns drei mit.

Nach ein paar Halben wechselten wir zu Cuba Libre und dann zu Havanna pur. Quatschen, lachen, qualmen, saufen. 4/4 Takt sozusagen. Dann fing das Personal an die Stühle hochzustellen, wir zahlten und machten uns auf den Heimweg. Da drinnen, in der warmen Kneipe, waren wir uns gar nicht so besoffen vorgekommen und außerdem hatte noch niemand gekotzt. Aber draußen in der kalten Luft wechselte der Zustand rapide zu „Heavy Load“. Zum Glück waren kaum noch Autos unterwegs, denn das Vorwärtskommen inmitten der Schleißheimer war mühsam, schließlich bogen wir in eine Seitenstraße ab und an der nächsten Kreuzung war der Stecker dann endgültig gezogen. Da gab es an einer Fahrbahnecke einen Gullydeckel aus dem ein warmer Lufthauch emporstieg und dort legten sich der Big Pete und der Kochi erst mal schlafen.

Der Peewee und ich lachten blöd, es wurde immer alberner, dann ging ich erst mal pissen, gegenüber war ein Grünstreifen, na ja grün, es war Winter. Der Peewee hielt den Beiden eine Ansprache, stellte Fragen, machte Vorschläge. Nach der Blasenentleerung machte ich mit. Antworten erhielten wir nicht. Trotzdem war’s extrem lustig. Zumindest für uns. Zum Glück war noch immer kein Auto gekommen. Der Kochi setzte sich irgendwann auf, um gleich wieder umzukippen. Langsam wurde es zu kalt und nachdem der erste Wagen nach bremsen, hupen vogelzeigen weg war, beschlossen wir die Schläfer entweder zu mobilisieren oder zumindest auf den Gehweg oder zwischen geparkte Autos zu ziehen. Den Kochi konnten wir „zum Leben“ erwecken und vor lauter Begeisterung kotzte er gleich auf die Seitenscheibe des Autos an das wir ihn gelehnt hatten. Er krallte sich dabei an der Dachkante fest wie ein Schiffbrüchiger an einem Stück Treibholz, der Peewee und ich hatten den nächsten Lachkrampf.

Wenig später machte er sich unvermittelt auf, zurück zum Big Pete, deutete auf ihn und sagte nur „zu ihm“. Das war o.k., zu Dritt würden wir ihn schon irgendwie nach Hause kriegen, aber der Big Pete hatte den Namen auch nicht umsonst, er war 1,96 und nicht wirklich dünn. Es waren nur noch ein paar hundert Meter, aber es war in unserem Zustand Schwerstarbeit. Zum Glück wohnte er im Erdgeschoss. Irgendjemand fummelte seinen Schlüssel aus seiner Tasche und dann war er zuhause. Kaum war er im Warmen schlug er die Augen auf, ruderte mit den Armen, lud uns quasi zu sich nach Hause ein, was den nächsten Lachkrampf zu Tage förderte, aber dann war die  Luft raus. Wir sahen zu, dass er es in sein Bett schaffte, der Kochi blieb bei ihm und pennte auf der Couch.
Der Peewee und ich schlichen nach Hause, schon ein Stückchen nüchterner nach der Anstrengung, aber hinter die Litfaßsäule an der Winzerer kotzte ich trotzdem noch. „Los Grattleros“ haben noch oft von dieser „amtlichen“ Feier gesprochen.

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